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Weihnachtsgrüße der Propstei

"Es war einmal..."

Farideh DiehlPröpstin Henriette Crüwell

Liebe Geschwister im Glauben!

„Es war einmal“, so beginnen Märchen aus längst vergangenen Tagen, die gesättigt sind von Menschenleid und Menschenglück. So zeitlos wie jene, von deren Lebensreise sie erzählen. Nicht nur die Kleinen lieben diese Geschichten aus einer fernen Zeit von Drachenbezwingern und Prinzessinnen und davon, dass am Ende das Gute immer siegt. Auch wir Großen brauchen sie, um das Leben bisweilen leichter zu ertragen. Denn jedes Märchen endet mit dem Wort: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…“ Und vielleicht boomt ja deswegen seit einigen Jahren der Markt an Fantasy-Romanen und Mittelalter-Serien, die von starken Rittern, klugen Königstöchtern und dem Kampf von Gut und Böse handeln. Weil wir sie eben brauchen, diese Erzählungen. Als eine Art Hilfe in unübersichtlichen Zeiten, um ihnen besser standzuhalten.

Wärmende Traditionen, die wir alle so dringend brauchen

„Es war einmal… eine Familie, die keinen Platz in der Herberge fand…“, so können wir auch die Geschichte jener Nacht von Bethlehem erzählen, deren Wunder wir in diesen Tagen wieder feiern. Von den Hirten in derselben Gegend, die einen Schatz in der Krippe fanden. Das hören wir alle Jahre wieder, wärmen unser Herz daran und erinnern uns zugleich an all die Heiligabende unserer Kindheit, als es noch Schnee gab und noch mehr Lametta an den Bäumen hing. Und an die Lieder, in die zu Weihnachten jung und alt, groß und klein aus vollem Herzen einstimmen: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind!“ Und sie alle, damals wie heute, bergen und retten sich dann in die vielen Traditionen rund um das Fest der Feste wie in einen dicken Mantel, den wir ja alle so dringend brauchen in diesen irren und wirren Tagen, wo nicht nur die Heizungen auf Sparflamme stehen, sondern bei vielen auch die Hoffnung und die Zuversicht, dass es gut ausgehen wird mit uns und unserer Welt, dass diese Welt irgendwann doch noch mal eine bessere, gerechtere, heilere werden könnte. Eine, in der alle Luft, Wasser, Leben und Zukunft haben. Und endlich, endlich Frieden ist auf Erden. Denn nicht nur jenen, die sich als „letzte Generation“ erleben, scheint diese Vorstellungskraft abhanden gekommen zu sein. Was hilft uns, wenn wir nicht mehr über das Jetzt hinausschauen können? Wenn wir die gute ferne Zeit nicht mehr als unsere Zukunft sehen können? Wenn die Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde uns nicht mehr vor Augen steht?

Zeit, dass wir selbst zu Geschichtenerzähler:innen der Zukunft werden

Vielleicht werden in dieser Heiligennacht des Jahres 2022 jene Propheten, deren Visionen wir ebenfalls alle Jahre wieder hören, neu zu uns sprechen und nicht mit „Es war einmal“, sondern mit „In jenen Tagen wird…“  beginnen. Sie erzählen nämlich aus einer Zukunft, die Gott uns schenkt. Vom Frieden zwischen allen Menschen, von Gerechtigkeit für alle Völker, von blühenden Wüsten und einem Kind, das die Spielregeln der Mächtigen gründlich durcheinanderbringt, das Schwache stark macht und die Liebe siegen lassen wird. Der Evangelist Lukas, dessen Weihnachtsgeschichte wir uns Jahr um Jahr, Generation um Generation weitersagen, sieht diese Zeit schon erfüllt. In jenem Menschenkind, von dem die Engel künden: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr!“ Gottes Zukunft mit uns und seiner Schöpfung hat also schon längst begonnen. Und von Weihnachten und Ostern her können wir deshalb auch unsere Zeit im Licht der Erlösung sehen. Denn jede Zeit ist dann Gottes Zeit. Auch die unsere. Und unsere Weihnachtsgeschichte beginnt jedes Jahr wieder mit: „In jenen Tagen wird Euch der Heiland geboren, welches ist Christus, der Herr!“ Seit jener Nacht in Betlehem leben wir zwischen „Es war einmal…“ und "In jenen Tagen wird...“ Denn noch seufzt die Schöpfung, noch seufzen wir Menschen und sehnen uns nach Frieden, nach Glück und Liebe und stehen alle Jahre wieder mit dieser unerfüllten Sehnsucht an der Krippe. Und es wird Zeit, dass wir dort selbst zu Geschichtenerzähler:innen der Zukunft werden. Wie die Prophet:innen. Einer Zukunft, die wir in diesem kleinen Menschenkind zwischen Heu und Stroh, Ochs und Esel schon erfüllt sehen.

Futur II: die Zeitform unseres christlichen Glaubens

Die Sprachwissenschaft nennt diese Rede „Futur II“ oder auch „Futurum exactum“. Sie kündigt nämlich nicht nur Zukünftiges an. Sie setzt seine Vollendung bereits voraus. Es wird gut ausgegangen sein: Ein „Perfekt“ in der „Zukunft“. Dieses Futur II schaut vom Künftigen auf unser Heute. Das Ersehnte erscheint als das schon Erreichte. Und das ist die Zeitform des christlichen Glaubens. Und aus diesem Blickwinkel einer erfüllten Zukunft lässt sich in unser Heute zurückschauen und ausmalen, wie es dazu kam, dass es gut ausgegangen sein wird – mit uns und unserer Welt. Wie das gehen kann, habe ich von einer alten Dame aus meiner ehemaligen Offenbacher Gemeinde gelernt, wo ich bis Ende August die Pfarrerin war. Alle Jahre wieder holte sie kurz vor Weihnachten die Krippe aus dem Keller und baute sie genau dort auf, wo sie schon seit 100 Jahren an Weihnachten ihren Platz hat. Sie stand dort auch, nachdem das Haus im schlimmen Kriegswinter 1943 zerbombt worden war und gehörte zu den wenigen Dingen, die aus den Trümmern gerettet werden konnte. Und ich erfuhr, dass in dieser dunklen Zeit die Weihnachtskrippe nicht nur eine Erinnerung an die hellen vergangenen Festtage gewesen sei, sondern vielmehr ein Hoffnungszeichen, dass wieder Tage kommen werden, in denen sie in einem heilen Haus aufgebaut sein wird und wieder strahlende Kinderaugen sie bestaunen werden. Und die Hoffnung habe sie durch die schlimmen Kriegstage hindurch getragen, erzählte mir die alte Dame.

Schon heute erfahrbar: eine erfüllte, von Gott geschenkte Zukunft

Liebe Brüder und Schwestern in der Propstei Rheinhessen und dem Nassauer Land, als Ihre Pröpstin habe ich das große Glück, in Gesprächen und Begegnungen mit Ihnen diese Hoffnung auf eine erfüllte Zukunft überall zu entdecken. An vielen Orten in unserer Kirche erzählen die Menschen nicht nur davon, sondern sie leben schon daraus und machen sie sichtbar. „In jeder Jugendfreizeit leben wir doch schon im Futur II,“ meinte neulich eine Gemeindepädagogin. „Wir werden friedlich und fröhlich miteinander Spaß gehabt haben!“ Aber nicht nur dort wird jene erfüllte und von Gott geschenkte Zukunft heute schon als Goldgrund unter unseren Tagen erfahrbar. Auch im neu eingeweihten ökumenischen Hospiz in Worms, im Miteinander eines Kirchenvorstands, der mitten in einer langen und nervenaufreibenden Vakanzzeit das Gemeindeleben zum Erblühen bringt, in Gottesdiensten auf Spielplätzen und an Flussufern, aber auch in unzähligen diakonischen Projekten, die den Glitzer auf den Boden der Tatsachen bringen. Überall dort kommt Neues ans Licht. Menschen, die sich nicht so angenommen fühlen, wie sie es verdienen, spüren, dass sie gewollt, geliebt und gebraucht werden. Überall in unseren Regionen blitzt jene Zukunft auf, von der die Engel an Weihnachten künden.

Sie wird mit uns gehen, diese Hoffnung, weil die Liebe sie trägt

Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir gemeinsam diese großartigen Bilder einer neuen Schöpfung in den Himmel malen, die schon die Propheten vor Augen hatten, dann wird es in jenen Tagen gut ausgegangen sein. Dann wird sich der Friede wirklich durchgesetzt haben und die ganze Schöpfung aufatmen, weil ein Kind den Namen Gottes bis an die Enden der Welt groß gemacht haben wird. Sein Name lautet: “Ich bin, der ich für Euch da gewesen sein werde!“ Und dann – in jenen Tagen – werden wir sagen können: „Auf ihn haben wir doch schon immer unsere Hoffnung gesetzt, und er hat uns gerettet.“ Sie wird mit uns gehen, diese Hoffnung, weil die Liebe sie trägt. Und trotz aller Irrungen und Wirrungen niemals aufhört zu sein.

Und so wünsche ich Ihnen und Euch allen von Herzen: Frohe Weihnachten!

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