Von Notre-Dame nach Oppenheim

veröffentlicht 04.10.2026 von Prof. Christine Bernhardt, Ev. Propstei Rheinhessen und Nassauer Land

Orgelvirtuose Francesco Cardelli fesselt sein Publikum im Preisträgerkonzert zum Albert-Schweitzer-Orgelpreis 2026

Es war einer dieser Momente, in denen man eine Stecknadel fallen hört: Am Sonntag, dem 27. September, füllte der junge Orgelvirtuose Francesco Cardelli die Katharinenkirche in Oppenheim mit Klang, und danach mit langanhaltender Stille. Auf der symphonischen Woehl-Orgel spielte er ein mitreißendes Programm mit Werken von Johann Sebastian Bach, Clara Wieck-Schumann, Robert Schumann, Johannes Brahms, Franz Liszt, Ottorino Respighi und Claude Debussy, dazu eigene Improvisationen. Die zahlreich anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer ließen sich vollkommen von seinem hochvirtuosen, dabei jedoch immer transparenten Spiel einfangen, sodass der ganze Kirchenraum erfüllt war von einer geradezu atemberaubenden Konzentration. Dass der Preisträger sein Publikum so in den Bann zieht, überrascht nicht: Cardelli, 2001 in Treviso geboren, zählt zu den herausragendsten jungen Organisten seiner Generation. Nach dem Bachelorabschluss in Wien studiert er derzeit im Master an der Hochschule für Musik Saar und im Bachelor Kirchenmusik in Mainz. 2025 vertrat er seine Hochschule bei der weltweiten Wiedereröffnung der Kathedrale Notre-Dame de Paris und gab dort als erster italienischer Organist nach dem verheerenden Brand ein öffentliches Konzert, ein Ereignis mit internationaler Resonanz. Er konzertiert europaweit, unter anderem bei den Salzburger Festspielen, und wirkt als Organist an St. Bonifaz Mainz.

Ein Preis mit Geschichte

Der Albert-Schweitzer-Orgelpreis der Bernhardt Stiftung wurde 2026 zum dritten Mal vergeben und fördert junge Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker. Beim Nominierungskonzert im April 2026 an der kürzlich neu gestalteten Ott-Woehl-Orgel in Nierstein überzeugte Francesco Cardelli die fachkundige Jury unter sechs Studierenden der Musikhochschulen Mainz, Frankfurt und Leipzig. Die fachliche Koordination und die Organisation mit den Hochschulen liegen stets in den Händen von Propsteikantor Ralf Bibiella, der zugleich als Vorsitzender die Jury leitet. Der Orgelwettbewerb der Bernhardt Stiftung bereichert so das kirchenmusikalische Programm der beiden evangelischen Kirchengemeinden in Nierstein und Oppenheim. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, die Spenden kommen jeweils den beiden Orgelbauvereinen zugute.

Warum gerade Albert Schweitzer?

Der Namensgeber des Preises wurde ganz bewusst gewählt: Albert Schweitzer, Friedensnobelpreisträger, evangelischer Theologe, Organist und Arzt, wohnte bei seinen Besuchen in Deutschland gern bei Freunden auf einem Weingut in Nierstein und spielte in der Katharinenkirche in Oppenheim die Orgel. So verbinden sich in seiner Person die beiden Austragungsorte des Wettbewerbs.

Aus dieser Geschichte erwächst auch die Verbindung zum Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrum in Offenbach. Seit dem ersten Preisträgerkonzert stimmt es mit Vorträgen zu Schweitzers musikalischer Expertise und seiner Lebensphilosophie auf die Konzerte ein.

Ein Vortrag, der nachwirkt

So auch diesmal: Vor dem Konzert sprach Dr. phil. Gottfried Schüz im Martin-Luther-Haus zum Thema „Albert Schweitzer – ein Feuerbrand in unserer dunklen Zeit“. Er gab Einblick in das kulturphilosophische Schaffen Schweitzers und in dessen über 100 Jahre alte Hoffnung auf eine vernunftbasierte, interkulturelle und von einem weltoffenen Humanismus geprägte Menschheit – eine Hoffnung, die erschreckende Parallelen zur aktuellen Weltgeschichte erkennen lässt.