Von „Ausstrahlungsorten“, glänzenden „Sternen“ und „Stillen Orten“

veröffentlicht 24.03.2026, Ev. Propstei Rheinhessen und Nassauer Land

Zweitägige "Wertschätzungsfahrt" für Haupt- und Ehrenamtliche zum Kirchenkreis Gera

„Vergnügt, erlöst, befreit – so habe ich, frei nach Hanns Dieter Hüsch, Sie hier im Kirchenkreis Gera erlebt, und das wünsche ich mir auch für uns.“ Mit diesen Worten brachte eine Teilnehmerin ihre Eindrücke von der zweitägigen „Wertschätzungsfahrt“ für Haupt- und Ehrenamtliche des Dekanats Ingelheim-Oppenheim nach Thüringen auf den Punkt.

Das Ziel der Reise, organisiert von der Pröpstin für Rheinhessen und das Nassauer Land, Henriette Crüwell, und dem EKHN-Visitationsbeauftragten Dr. Frank Löwe, wurde erreicht: ein Perspektivwechsel. Der Blick über den Tellerrand eröffnete neue Ideen für die Arbeit im eigenen gemeindlichen Umfeld, das sich mitten im Reformprozess EKHN 2030 befindet.

Wie mit den knapper werdenden Ressourcen umgehen?

Doch die Reise bot mehr als bloße Inspiration. Pfarrpersonen und Ehrenamtliche aus dem Nachbarschaftsraum 3 des Dekanats – künftig „Evangelische Paulusgemeinde im Rheinhessischen Hügelland“ – sowie aus der Gesamtkirchengemeinde Nahe an Rhein und Wißberg erlebten konkret, wie Kirche mit knapper werdenden Ressourcen umgehen kann.

Im Gemeindezentrum Gera-Lusan stellte Pfarrer Andreas Schaller ein Konzept für die Kirchenkreisentwicklung vor, für das er in über dreijähriger Arbeit als Projektstelleninhaber für die Kirchenkreisentwicklung mitverantwortlich war. Ausgangspunkt war eine nüchterne Analyse: Kirche ist in Ostdeutschland schon seit Jahrzehnten keine Mehrheitsinstitution mehr und leidet – wie heute im Westen auch – massiv unter dem Mitgliederschwund.

Abschied vom vollständigen Gottesangebot an allen Orten

In Gera wurde nicht gefragt, „Welches Programm wollen wir mit unseren begrenzten Mitteln in Zukunft bieten?“, sondern: „Was haben andere davon, dass es uns gibt? Was brauchen sie?“ Das bisherige Prinzip, an jedem Ort ein vollständiges Gottesdienstangebot vorzuhalten, erschien unter den aktuellen Bedingungen kaum zukunftsfähig. 

Der Kirchenkreis entwickelte mit Blick auf die Ressourcen kirchlichen Lebens drei unterschiedliche Gemeindeprofile. In den sog. Ausstrahlungsorten werden kirchliche Angebote gebündelt. Hier gibt es ein umfangreiches Gottesdienstprogramm, Kinder- und Jugendarbeit ebenso wie anspruchsvolle Kirchenmusik. Zehn dieser Ausstrahlungsorte sind für den Kirchenkreis Gera geplant, der 58 Kirchengemeinden umfasst. 

Gemeindeprofile: „Mischwald statt Monokultur!“

Ergänzt werden die Ausstrahlungsorte durch sog. Sterne: Das sind Kirchorte, die nicht mehr das komplette Gottesdienstangebot vorhalten, sondern sich vielmehr – je nach Möglichkeit und Neigung auch der Ehrenamtlichen – auf ein Schwerpunktangebot wie z. B. Kirchenmusik spezialisieren. „Ein Mischwald“, kommentiert Andreas Schaller mit einem Augenzwinkern die Basis seines Projektes, „ist besser als eine Monokultur. In Großbritannien spricht man in diesem Zusammenhang von der „mixed economy of church“ und dort wachsen die Gemeinden wieder!“ Und dann gibt es in dem Geraer Konzept auch die Gemeinden, deren Beteiligung zu klein geworden ist für einen ausreichenden Gottesdienstbesuch. Hier finden keine Gottesdienste mehr statt (es sei denn es werden Kasualien angefragt). Das sind dann die sogenannten „Stillen Orte“.

„Ausstrahlungsorte“, „Sterne“ und „Stille Orte“ – die Teilnehmenden der Fahrt konnten an diesem sonnigen Märzwochenende alle drei dieser Gemeindeprofil-Typen erleben. Besucht wurden nicht nur die Ausstrahlungsorte Gera-Lusan und Wünschendorf, sondern auch ein „Stern“, die St. Petri Kirche in Dorna, und ein „Stiller Ort“, die kleine Dorfkirche in Hirschfeld. Es waren berührende Erlebnisse, nicht nur, weil jeder Kirchenraum seine besondere Atmosphäre hatte, sondern auch weil die enge Bindung der Ehrenamtlichen zu „ihrer“ Kirche deutlich wurde. Schmerzhaft zu spüren war dies an dem „Stillen Ort“, der Dorfkirche in Hirschfeld. Der Ort zählt nur 95 Einwohner und 25 Kirchenmitglieder und das „Kümmern“ um den vom Zahn der Zeit gezeichneten Kirchenraum „hängt“ an nur wenigen Personen.

Innovative Konzepte lassen kleinere Gemeinden „strahlen“

Beim Besuch des „Sterns“, der St. Petri Kirche in Dorna bei Gera, beeindruckte die wunderbar renovierte Kirche nicht nur als Ergebnis eines anpackenden Engagements von Ehrenamtlichen und Zeugnis eines gelungenen Fundraisings. Aber besonders überraschte das durch den mehr als 500 Jahre alten Marienaltar inspirierte Gottesdienstkonzept: Denn hier finden Gottesdienste nicht mehr jeden Sonntag, sondern fast nur noch an ausgewählten Feiertagen statt, insbesondere an solchen, die mit der Gottesmutter Maria in Verbindung stehen und, wie es der für Dorna zuständige Pfarrer Sven Thriemer selbstbewusst ausdrückte, „evangelisch verträglich“ sind. Dazu gibt es ein umfangreiches Vortrags- und Konzertprogramm (inklusive eines „Pflaumenkuchenkonzertes“ mit anschließendem Kirchenkaffee). Ein Musterbeispiel dafür, wie weniger mehr sein kann.

„Geistlicher Rat“ als theologisches Impulsforum und geistlicher Kompass

Doch nicht nur die Art der Profilierung der Kirchorte beeindruckte die Teilnehmenden der Fahrt, auch die Idee, wie Ausstrahlungsorte, „Sterne“ und „Stille Orte“ innerhalb eines „Ausstrahlungsbereichs“ organisiert sind, stieß auf großes Interesse. Die dem Ausstrahlungsbereich zugeordneten Kirchengemeinden verwalten sich weiterhin eigenständig, Kirchen werden nicht zwangsweise geschlossen, vielmehr erhalten die Kirchengemeinde Unterstützung und Kooperationsangebote vom Ausstrahlungsort und vom Kirchenkreis. Was aber einige Teilnehmende besonders begeisterte, war die neue Institution des „Geistlichen Rats“. Dieser setzt sich, laut Pfarrer Schaller, aus Haupt- und Ehrenamtlichen zusammen und nimmt für den Ausstrahlungsbereich, die Konzeptionierung von Seelsorge, Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Profilbildung „in den Blick und ins Gebet“. 

Und so nahmen die Teilnehmenden der Fahrt nicht nur neue Impulse mit, sondern auch den festen Vorsatz, den Aufbau der neuen Gemeindeformen unter einem anderen Blickwinkel anzugehen. Eine der Teilnehmenden resümmierte deshalb: „Wir müssen einen krassen Perspektivwechsel machen: Vom Vollangebot zu dem, was die Menschen brauchen.“ Und die Idee ein kirchliches Netzwerk von „Sternen“ zu bilden, erzeugte geradezu eine Aufbruchsstimmung und viele nahmen die Frage mit: „Wo können wir als Stern glänzen?“ 

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