Viele Orte, viele Menschen, viele Schätze

veröffentlicht 29.09.2026, Ev. Propstei Rheinhessen und Nassauer Land

Eine Visitation zeigt, wie vielfältig Kirche in „Nahe an Rhein und Wißberg“ gelebt wird. Zwei Tage lang war ein Visitationsteam aus Haupt- und Ehrenamtlichen in der Gesamtkirchengemeinde „Nahe an Rhein und Wißberg“ unterwegs – und entdeckte zwischen Bingen und Wolfsheim eine erstaunliche Vielfalt kirchlichen Lebens.

Als am Sonntagnachmittag in der Gustav-Adolf-Jubiläumskirche in Bingerbrück zwei intensive Tage zu Ende gehen, bringt Nadine Beier-Gräff, Vorsitzende des Gesamtkirchenvorstandes, ihre Eindrücke auf den Punkt: „Wir dürfen ruhig ein bisschen stolz auf uns sein.“ Stolz darauf, „wie wir Kirche mit Leben erfüllen und unseren Glauben erfahrbar machen“. Hinter den Teilnehmenden der von der Pröpstin für Rheinhessen und Nassauer Land als Hauptverantwortliche begleiteten Visitation liegen zu diesem Zeitpunkt viele Kilometer, Gespräche und Andachten, Orgelklänge und gemeinsames Singen, überraschende Einblicke in alte Traditionen und neue Ideen – vor allem aber die Erfahrung, wie unterschiedlich Kirche in den sieben Gemeinden der noch jungen Gesamtkirchengemeinde Nahe an Rhein und Wißberg gelebt wird.

Und genau darum sollte es an diesem Wochenende gehen. Die Visitation war als eine Art Schatzsuche gedacht, bei der nicht Zahlen, Strukturen und Sitzungsprotokolle im Mittelpunkt stehen sollten, sondern Menschen, ihre Ideen und das, was ihnen in ihren Gemeinden am Herzen liegt. Der EKHN-Beauftragte für Visitationen, Dr. Frank Löwe, hatte dafür gleich an der ersten Station der Visitation, der Binger Christuskirche, ein passendes Bild gefunden: „Dass Christen sich gegenseitig besuchen, ist eine sehr alte Tradition. Sie geht zurück bis auf den Apostel Paulus.“ Der Sinn sei, einander wahrzunehmen, zuzuhören und zu erfahren, wie es den anderen gehe. Und bei dieser Visitation eben besonders genau hinzuschauen: Wo liegen die Schätze dieser Gesamtkirchengemeinde?

Die erste Antwort darauf gibt es gleich in der Christuskirche: Pfarrerin Julia Kalbhenn und Pfarrerin Tanja Brinkhaus-Bauer zeigen gemeinsam mit jungen ehrenamtlichen Teamern, wie Konfi-Arbeit heute aussehen kann. Wenig später bekommt der Begriff „Schatz“ eine ganz andere Bedeutung, als sich der seit mehr als 20 Jahren bestehende Diakonische Besuchsdienst vorstellt. Da geht es ums Zuhören und Vorlesen, ums gemeinsame Singen, um Spaziergänge, Arztbesuche oder einen Einkauf – um all die kleinen Dinge, die für Menschen plötzlich sehr groß werden können. Einen Herzenswunsch gibt das Besuchsdienstteam den Gästen mit: einen Treppenlift für das Gemeindehaus.

In Grolsheim wird schnell deutlich, dass Schatzsuche auch bedeuten kann, über Veränderungen nachzudenken. Die kleine klassizistische Kirche steht mitten im Ort – und könnte künftig noch stärker zu einem Treffpunkt für das ganze Dorf werden. Pfarrer Markus Weickardt, Ortsbürgermeister Florian Hanau und Dorfplaner Daniel Gronert stellen ihre Überlegungen vor: Kirchengemeinde und Kommune wollen nach Möglichkeiten suchen, das Gebäude gemeinsam zu nutzen. Auch ein Verkauf der Kirche an die Kommune gehört zu den Überlegungen. Fragen gibt es viele, entsprechend lebhaft ist die Diskussion – und vielleicht liegt gerade darin einer der Schätze dieser Visitation: nicht nur zu zeigen, was bereits gut läuft, sondern miteinander darüber ins Gespräch zu kommen, was künftig möglich sein könnte.

Wie ein historischer Kirchenraum ganz anders neu gedacht werden kann, zeigt die frisch renovierte Johanneskirche in Bingen. Küche, Andachtsraum, flexible Nutzung und moderne Technik gehören hier inzwischen zusammen. Heiko Lange erklärt, was technisch möglich ist, bevor Kantor Pascal Martiné die Gruppe selbst zum Klingen (und Singen) bringt. Beim „10-vor-7-GOTTKONTAKT“ mit Pfarrerin Tanja Brinkhaus-Bauer wird es danach stiller. Im Gemeindehaus erzählen die Ehrenamtliche der Gemeinden Aspisheimer Weihnachtswerkstatt (Stefanie Schwarzpaul) und der Posaunenchor (Susanne Schrader) von zwei weiteren Seiten kirchlichen Lebens. Ein kleiner Film zeigt, wie vielfältig und von wie vielen Menschen das Gemeindehaus der Johanneskirchengemeinde genutzt wird. Bei Brezeln und Bier klingt der Tag aus.

Der Sonntagmorgen ist zunächst ganz der Kirchenmusik gewidmet. In der hochgotischen Kirche von St. Johann sorgen ein aus den Sängerinnen und Sängern dreier Gemeinden bestehender Projektchor und Organist Sebastian Franz bei der „Orgelmusik zum Mitsingen“ für bewegende Momente. Nach dem Mittagessen in Wolfsheim geht es nach Zotzenheim, wo Pfarrer Eric Kalbhenn von besonderen Beerdigungsriten erzählt und davon, wie eng sich in den Dörfern kirchliches Leben, Kerb, Ortsgemeinschaft und Freiluftgottesdienste miteinander verbinden.

Die letzte Visitations-Station ist schließlich Bingerbrück. Küster und Gesamtkirchenvorsteher Ingo Straßburger führt über das Gelände rund um die Gustav-Adolf-Jubiläumskirche mit Kirche, Wohngebäuden und Garten. Im Kinderkreis warten eigens zur Visitation zwölf Kinder – ein kleines Detail, das viel über den Einsatz erzählt., der hinter solchen Angeboten steckt – in diesem Fall ist es die im Ruhestand befindliche Erzieherin Uta A. Biasizzo zusammen mit einer engagierten Helferin.

Bei der Abschlussrunde geht der Blick noch einmal zurück auf all das, was an diesen beiden Tagen zu sehen und zu hören war. „Es ist bei allem spürbar geworden: Da sind Menschen in Gottes Namen zusammen“, sagt Pröpstin Crüwell. Das habe ihr Kraft gegeben. Nach zwei Tagen unterwegs zwischen Bingen, Grolsheim, St. Johann, Wolfsheim, Zotzenheim und Bingerbrück ist jedenfalls eines kaum zu übersehen: An Schätzen mangelt es dieser jungen Gesamtkirchengemeinde nicht.