Ein wenig Rosenöl, ein Kreuz aus Glitzer auf der Stirn – und im Großen Saal der Evangelischen Akademie Frankfurt entstand im Handumdrehen eine fröhliche, gelöste Atmosphäre. Gerade noch hatte Pröpstin Henriette Crüwell in ihrer Eröffnungsandacht von Philippus und dem äthiopischen Kämmerer erzählt, vom Zuhören und Mitgehen und von der Frage: „Was hindert’s?“ Nun segneten sich die Teilnehmenden gegenseitig. Damit war man an diesem Morgen schon mittendrin im Thema dieses EKHN-weiten Propsteistudientages: „Kasualien unplugged. Zwischen Tradition und Aufbruch“.
Rund 120 Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker sowie Pfarrerinnen und Pfarrer aus der gesamten EKHN waren am 30. September in die hellen Räume der Evangelischen Akademie gekommen, weitere rund 80 verfolgten die Impulse online. Fast hatte man – angesichts der Wiedersehensfreude zwischen den Teilnehmenden – den Eindruck, es handele sich um ein großes Familientreffen. Eingeladen hatten die EKHN-Pröpstinnen Sabine Bertram-Schäfer und Henriette Crüwell zu einem Thema, das längst mitten im kirchlichen Alltag angekommen ist: Taufen im Garten, Trauerfeiern im Lieblingsrestaurant oder Segnungen auf Hochzeitsfestivals zeigen, dass sich die Kasualkultur verändert – und mit ihr die Erwartungen der Menschen an Kirche.
Kasualien mit den Menschen und für die Menschen
Im Mittelpunkt stand eine Entwicklung, die viele in ihrem Berufsalltag bereits erleben: Menschen wünschen sich Taufe, Trauung, Bestattung oder Segen, aber nicht unbedingt in der Form und an dem Ort, an dem Kirche solche Feiern traditionell vorgesehen hat. Getauft wird im Garten, Abschied genommen vielleicht an einem für die Familie wichtigen Ort, und bei Formaten wie „Einfach heiraten“ kommen Paare mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen von ihrer Trauung.
Für Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer liegt gerade darin eine besondere Stärke kirchlicher Kasualien. Der Propsteistudientag habe ihr erneut deutlich gemacht, „wie wichtig es ist, Taufen, Trauungen und auch Beerdigungen mit den Menschen und für die Menschen zu feiern“. Zugleich habe sie gesehen, „mit wie viel Aufmerksamkeit Kasualien in den Kirchengemeinden und an besonderen Orten gefeiert werden“.
„Unplugged“ feiern – dem Geist Gottes zutrauen, dass daraus etwas entsteht
Wie viel Freiheit solche Begegnungen brauchen können, machte Crüwell gleich zu Beginn deutlich. Zweimal habe sie in den vergangenen Jahren bei „Einfach heiraten“ mitgewirkt – und sei, wie sie augenzwinkernd zugibt, beinahe danach „süchtig“ geworden. Vieles sei bei diesen Veranstaltungen „Freestyle“: Sie habe dabei vor allem die eigene Berufserfahrung, Fingerspitzengefühl, ein Ohr für Zwischentöne und eine kleine Agenda gebraucht. Was für Musiker*innen bei „Unplugged“-Aufnahmen gelte, gelte auch für die Mitwirkenden von Veranstaltungen wie „Einfach heiraten“: Wer auf Verstärker und große Effekte verzichtet, müsse sein Instrument besonders gut kennen. Keine große Inszenierung, keine Erfolgskontrolle. Für Crüwell liegt darin eine Haltung, die auch die heutige Kasualpraxis prägen könne: für einen Augenblick da sein, genau hinhören, das Evangelium kreativ ins Spiel bringen – und dem Geist Gottes zutrauen, dass daraus etwas entsteht.
Dass Tauf- oder Segensfeste keineswegs nur nette Ergänzungen zum klassischen kirchlichen Angebot sind, machte der Tübinger Praktische Theologe Prof. Gerald Kretzschmar deutlich. Er stellte Forschungsergebnisse zu sogenannten Kasual- und Segensagenturen vor, die in den vergangenen Jahren vielerorts entstanden sind. Sie vermitteln Taufen, Trauungen oder Segenshandlungen, organisieren eigene Aktionen und versuchen vor allem eines: Dinge möglich zu machen – mit viel Schwung und der Bereitschaft, die Reflexion im Tun nachzuholen. Gerade darin erkennt Kretzschmar ein erhebliches Potenzial für die Kirchenentwicklung.
Mehr Lebensweltbezug, mehr Lebensrelevanz
Kretzschmars These ist durchaus herausfordernd: Kirche müsse stärker von einer Parochial- zu einer Kasualorientierung finden. Kasualorientierung bedeute Lebensweltbezug und Lebensrelevanz. Das heißt seiner Meinung nach allerdings nicht, Gemeinde und Gemeinschaft aufzugeben. Vielmehr müsse Kirche künftig ein breites Spektrum bieten – von der punktuellen Begegnung bis zur verbindlichen Gemeinschaft, von Beratung und Diakonie bis zu Angeboten für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen. Nicht mehr alles in unmittelbarer Fußnähe, wohl aber gut koordiniert in größeren Räumen und nah an den Bedürfnissen der Menschen.
Wie sehr dabei auch Atmosphäre zählt, zeigte anschließend Tatort-Regisseur Gerd Schneider mit seinem ebenso klugen wie unterhaltsamen Vortrag „Heilige Atmosphäre. Dramaturgie in Film und Liturgie“. Kino und Kirche hätten mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten könnte: Beide arbeiten mit Geschichten, Symbolen, Schwellen und Inszenierungen. Doch gerade bei Ritualen warnte Schneider, der unter anderem auch Katholische Theologie studiert hat, vor einem Zuviel. Menschen verstünden Symbole oft intuitiv; Rituale dagegen würden mitunter unter ihrer eigenen Symbolfülle begraben. Seine Empfehlung: die Kunst des Weglassens. Zwei oder drei starke Symbole könnten mehr tragen als eine Fülle von Erklärungen. Mehr Stille, weniger Übererklären – und das Vertrauen darauf, dass manches auch für sich selbst spricht.
Am Nachmittag wurde es praktisch. In zahlreichen Workshops ging es unter anderem um Ritualdesign, Symbole und Segen, machtsensible Sprache bei Trauerfeiern, neue Bestattungsformen, Musik bei Kasualien, Konfirmation, Kinder in Kasualien oder um die Frage, wie sich Atmosphäre gestalten lässt. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden fielen ausgesprochen positiv aus: Vieles wurde als praxisnah, anregend und unmittelbar anschlussfähig an den eigenen Arbeitsalltag erlebt.
Eine ermöglichende Kirche nahe bei den Menschen
Dass diese Offenheit nicht nur eine Frage der Gestaltung einzelner Kasualien ist, sondern auch Konsequenzen für kirchenleitendes Handeln hat, unterstrich Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer. „Für unser kirchenleitendes Handeln bedeutet das, dass wir Zeit und Ressourcen für diese wichtige Arbeit einplanen müssen“, sagte sie. Eine „ermöglichende Kirche nahe bei den Menschen“ sei für sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Kirche der Zukunft.
Pröpstin Henriette Crüwell brachte den gemeinsam von ihr und Bertram-Schäfer gestalteten Propsteistudientag schließlich mit einem augenzwinkernden Satz auf den Punkt: „Ein Tag mit Glitzer und Glanz.“ Vielleicht sogar einer, der zur Tradition werden könne. Und einer, der vor allem gezeigt hat: Wenn Kirche Menschen an den Übergängen ihres Lebens erreichen will, braucht sie nicht zwangsläufig immer mehr Programm. Manchmal braucht es vor allem Aufmerksamkeit, Mut zur Veränderung – und die Bereitschaft, genau hinzuhören, was Menschen gerade wirklich brauchen.