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Eine Reise in die evangelische Diaspora nach Polen

„Den Zweifelnden und Sorgenden Raum geben“

H.Wiegers

Schönes, Bedrückendes und Anregendes konnten die Teilnehmenden der Selbstorganisierten Fortbildung des Dekanats Ingelheim-Oppenheim von ihrer jüngsten Polenreise mitnehmen. Zusätzlich lockten mit Warschau und Krakau sehenswerte und vielfältige Städte.

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„Zuhause werde ich mich dafür einsetzen, dass wir das Treffen für die osteuropäischen Pflegekräfte der Senioren in unserer Gemeinde wieder aufleben lassen“ – „Eine tolle Idee dieser schöne Aufenthaltsraum für Eltern mit Kleinkindern, ganz in der Nähe des Kirchenraums“ – Das sind nur einige Kostproben von Vorsätzen und Eindrücken, die die Teilnehmenden der selbstorganisierten Fortbildung des Evangelischen Dekanates Ingelheim-Oppenheim von ihrer Reise nach Polen mitnehmen konnten. Warschau und Krakau zwei ganz unterschiedliche Städte waren das Ziel der fünftägigen Fortbildung für Hauptamtliche Mitarbeitende des Dekanates. Zu den Highlights in Warschau, der ersten Station der Reise, gehörte die Begegnung mit dem gerade wieder neu gewählten Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Jerzy Samiec, und der Besuch der nicht nur ältesten, sondern auch wunderschön renovierten Trinitatiskirche, der Hauptkirche der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in der polnischen Hauptstadt.

Nach der Anreise noch etwas müde, war das Treffen im Warschauer Centrum Luteranske am Ankunftstag für die Teilnehmenden zunächst keine leichte Kost, aber die Informationen, die die Referentin für internationale Beziehungen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Anna Wrzesinska, bereit hielt, waren dann doch so interessant, dass alle aufhorchten: Mit rund 62 000 Lutheranern, 2000 Reformierten und ungefähr 4000 Methodisten sind nur 0,2 % der polnischen Bevölkerung Protestanten. Es gibt 133 Gemeinden und 153 aktive protestantische Geistliche in Polen.

Die protestantische Kirche finanziert sich aus den Beiträgen der Gemeindeglieder (in der Regel beträgt die Kirchenabgabe 1 Prozent des Lohns). Der Staat bezahlt den Religionsunterricht und hat einen Kirchenfonds für die Rente der Pfarrer eingerichtet. Die Zahl der Protestanten wächst in Polen: 2019 gab es 766 Taufen und 241 Eintritte gegenüber 864 Beerdigungen und 50 Austritten. Angesichts dieser Situation stellten die deutschen Teilnehmenden der Polenreise dem anwesenden polnische Bischof Samiec zahlreiche Fragen zu seiner Einschätzung der politischen Situation in Polen, aber auch zum Thema Flüchtlingshilfe und Umweltschutz.

Noch mehr horchten die rheinhessischen Gäste auf, als zwei Vertreterinnen der „Diakonie Polen“ zum Thema „Arbeitsmigration in Europa – ihre Folgen als Aufgabe der Diakonie“ referierten. Die kleine, aber feine polnische „Diakonia“, 1997 erst gegründet, unterhält 100 Einrichtungen und 950 Angestellte. Eines der Schwerpunktthemen, mit dem sich die polnische Diakonie angesichts von 2,6 Mio. Polen, die im Ausland arbeiten und wiederum auch 1,2 Mio. Ukrainern, die als Arbeitsimmigranten in Polen leben, beschäftigt, ist die Arbeitsmigration. Ein Thema, mit dem die deutschen Besucher wiederum auch in ihren Gemeinden aufgrund der zahlreichen polnischen Pflegerinnen für Senioren vertraut sind. Insbesondere über die Frage, wie man eine gerechte Bezahlung der Pflegerinnen sicherstellen könnte, entwickelte sich ein lebhafter Diskurs.

Und so profitierten die Teilnehmenden der selbstorganisierten Fortbildung allein schon an diesem Nachmittag von vielen interessanten Informationen und Anregungen, ganz zu schweigen von den vielen anderen Impressionen, die sie während der kommenden Tagen bei dem Besuch des phantastischen Jüdischen Museums in Warschau, dem jüdischen Viertel in Krakau und einer weiteren Begegnung mit einer protestantischen Gemeinde in Krakau mitnehmen konnten. Besonders im Gedächtnis aber blieb die Führung durch die Warschauer Trinitatiskirche, einer außergewöhnlichen, strahlend weißen Rundkirche, die dem römischen Pantheon nachempfunden ist. Der Pfarrer der Trinitatisgemeinde führte seine interessierten BesucherInnen auch in die Räume hinter dem Altar und erklärte so manches zur wechselvollen Geschichte der Kirche, die 1939 von einer deutschen Fliegerbombe getroffen wurde und ausbrannte. Erst vor kurzem wurde der Kirchenraum, der in der Nachkriegszeit in seiner ursprünglichen Form wiederaufgebaut wurde, umfassend renoviert, u. a. mit einem sehr ansprechenden Treffpunkt für junge Familien und der neuesten Technologie für Fernseh- und Internet-Übertragungen.

20 Jahre hat die Gemeinde für diese Renovierung gespart und gesammelt. Deshalb ist dieses markante Kirchengebäude für die polnischen Protestanten ein Zeichen dafür, „dass wir noch da sind“. Vielen Teilnehmenden beeindruckte besonders die Erläuterung des Gemeindepfarrers der Trinitatiskirche, Piotr Gas, zu dem biblischen  Spruch, der über dem Altar der Trinitatiskirche zu lesen ist: „Mein HERR und Gott“ (Es handelt sich um das Bekenntnis des ungläubigen Thomas nachdem der Auferstandene ihm begegnet ist). Pfarrer Gas erklärte, dass Kirche den zweifelnden und sich sorgenden Menschen Raum geben muss, aber Zyniker und Schwarzmaler hier nichts zu suchen hätten. Ein ermutigender Gedanke für alle Teilnehmenden, aber insbesondere für Dekan Olliver Zobel, der ihn von dieser Reise mit in die weiteren Veränderungsprozesse nehmen wird, die im fusionierten Dekanat mit seinen vielen Kirchengemeinden, aber auch in der EKHN anstehen.

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