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Jesus unentgeltlich geflickt

Karin Weber

Repair Café Mainz ist für den Publikumspreis der „SWR Ehrensache 2021“ nominiert

Die Kamera fährt in die Totale. Die Angel mit dem Mikrofon schwebt über der Szene. „Das ist Jesus. Sein Arm war fast abgerissen. Nun ist er aber wieder ganz“, sagt Sarah. Im Hof der Windmühlenschule strahlt sie gemeinsam mit ihrer Mutter Anna Loos und der Koordinatorin des Mainzer Repair Cafés, Gisela Apitzsch, in die Kamera des SWR-Teams. Der Kameramann kommt näher, zoomt auf den Arm der Puppe. Sie trägt den Namen Jesus, da sie bei Krippenspielen einst eine tragende Rolle eingenommen hatte. Den beschädigten Arm konnte Nina Jakob, ein junges Teammitglied des Repair Cafés, zur großen Freude von Sarah wieder fest annähen.
Seit mehreren Stunden ist SWR-Redakteurin Sabine Keller im Gespräch mit Menschen, die sich im Repair-Café des Evangelischen Dekanats Mainz engagieren. Mit ihrem Team bereitet sie den Beitrag zur Sendung „SWR Ehrensache 2021“ vor. Zeitgleich nimmt ein Hörfunkteam des Senders O-Töne in den Werkräumen der Windmühlenschule auf. Die Einstellung mit Sarah und ihrer Puppe Jesus wird am 9. Juni in der Landesschau (18.45 - 19.30 Uhr) ausgestrahlt, der Hörfunkbeitrag wird zwischen 9 und 10 Uhr über den Äther gehen. Danach sind beide Features in der SWR-Mediathek und im Internet unter www.swr.de/ehrensache abrufbar.
Seit 2001 zeichnet der SWR gemeinsam mit dem Land Rheinland-Pfalz Menschen für deren Engagement aus. „Höhepunkt der Aktion ist die jährliche Preisverleihung im SWR-Fernsehen, in der Ehrenamtspreise an herausragende Menschen und ihre Projekte vergeben werden“, teilt der Sender mit. Gisela Apitzsch, die das Mainzer Repair Café ins Leben rief, freut sich besonders für ihre unentgeltlich tätigen Mitstreiter über diese besondere Anerkennung. „Auf mein großartiges Team ist immer Verlass“, schwärmt sie und weist darauf hin, „dass seit Beginn der Pandemie die meisten eher mehr als gewöhnlich in verschiedenen Arbeitsgruppen in die Hände gespuckt“ haben. Für den Publikumspreis des SWR sind neben dem Mainzer Repair Café neun weitere Projekte nominiert. Abgestimmt werden kann ab 23. August im Internet. Das Ergebnis gibt Moderator Martin Seidler am 29. August während der Livesendung „SWR Ehrensache 2021“ bekannt.
Seit April 2013 besteht das Angebot des Repair Cafés, zunächst im Haus der Evangelischen Kirche in der Kaiserstraße 37, seit März 2015 im Untergeschoss der Windmühlenschule in der Generaloberst-Beck-Straße. Inzwischen reparieren hier rund 50 Ehrenamtliche aller Altersstufen defekte Dinge kostenlos. Lediglich die Ersatzteile, die mitunter aus dem 3D-Druck kommen, sind zu bezahlen. Spenden, um Werkzeuge anzuschaffen, sind willkommen. „Wir wollen mit Ressourcen nachhaltig umgehen und nicht zusehen, wie Dinge, die repariert werden könnten, weggeworfen werden“, erklärt Gisela Apitzsch, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung des Evangelischen Dekanats Mainz, die Idee. Sie weiß, wie wichtig ressourcenschonendes Handeln schon im Kleinen ist. So seien inzwischen mehrere tausend Geräte, vom Computer über Staubsauger, Bügeleisen und Plattenspieler bis hin zur Kuckucksuhr vor dem Wertstoffhof gerettet worden.
Aufgrund der Pandemie ist der monatliche Reparaturservice in gewohnter Weise momentan nicht möglich. Somit fallen die Aufnahmen mit Nutzern am Drehtag weitgehend aus. Repariert wird dennoch, ob in der Fahrrad-, der Holz- oder der Elektrowerkstatt. Viele der Ehrenamtlichen freuen sich, wenn sie etwas „Altes“ wiedersehen, so wie Werner Hörter. Der 87-Jährige gehört seit 2014 zum Team. Heute schraubt der Feinmechaniker gemeinsam mit Otto Traudt (73) eine altertümliche Rechenmaschine auseinander, um sie wieder instand zu setzen. Wie er gehören einige Menschen im Ruhestand zum Team. Da deren Kompetenzen gefragt seien, blühen sie bei den monatlichen Treffen regelrecht auf, beschreibt Gisela Apitzsch vor laufender Kamera. Die Initiatorin der ersten ehrenamtlichen Reparaturwerkstatt in Rheinland-Pfalz macht deutlich, wie wichtig es sei, beim Reparieren miteinander ins Gespräch zu kommen. So könnten nicht nur die Kompetenzen der ehrenamtlich Engagierten genutzt werden, sondern es entstehe ein soziales Miteinander, zählt die Projektleiterin im Gespräch mit der SWR-Redakteurin weitere Vorteile auf. „Wir leiten an, damit man es das nächste Mal selbst reparieren kann“, bestätigt Ines Fiedler, während sie die Nähmaschine im Kleidertauschtreff aufbaut.
Inzwischen hat sich das Aufnahmeteam der nächsten Einstellung zugewandt. Reinhard Wenselowski zeigt auf die Lüftungsanlage an der Decke, die von einer AG des Repair Cafés in monatelanger Arbeit nach einem Modell des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie installiert wurde. „Wir haben, koordiniert durch unser Teammitglied Norbert Vogler, einen Großteil der Schulräume damit bestückt und wurden hierbei von der Gebäudewirtschaft Mainz unterstützt. Somit konnten wir der Schule, in der wir seit Jahren untergebracht sind, etwas zurückgeben“, spricht der Techniker in die Mikrofone. Gisela Apitzsch wirkte sowohl im Hintergrund als auch ganz praktisch mit und ließ von anderen AG-Mitgliedern einen Erklärfilm erstellen. Dieser zeigt Interessierten beispielhaft, wie der kostensparende Anlagenbau funktioniert. In Videokonferenzen, die das Team anbot, wurde zudem auf offene Fragen eingegangen.  Durch diesen „Mainzer Exportschlager“ wurden viele Schulen, auch weit über die Stadt hinaus, mit dem Lüftungssystem gegen Aerosole ausgestattet. Ein Grund mehr für den Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling, das Repair Café für den Ehrenamtspreis des Landes vorzuschlagen.

WEITERE INFORMATIONEN:
Im Mainzer Repair Café wird jeden letzten Freitag im Monat von 18 bis 20.30 Uhr in der Windmühlenschule (Generaloberst-Beck-Straße 1 / Haltestelle Kurmainz-Kaserne) ehrenamtlich repariert, sofern es die Corona-Regeln ermöglichen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Kontakt: www.repaircafemainz.de, Facebook-Seite: RepairCafeMainz, E-Mail: Gisela.Apitzsch@ekhn.de oder info@repaircafemainz.de.
Infos zum Ehrenamtspreis unter www.swr.de/ehrensache.

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